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Alles und Nichts
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Fanny Dummes Huhn
Anmeldungsdatum: 15.06.2009 Beiträge: 431 Wohnort: Chemnitz  |
Verfasst am: Mo Jan 11, 2010 08:23 Titel: Eine Geschichte zur Weihnacht |
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Nun gut, Blue und Patty haben in den FF's ihren Teil der Meinereiner-Verabredung eingelöst, da mag ich natürlich auch nicht nachstehen. Hier also meine kleine Weihnachtsgeschichte, wenn auch ziemlich verspätet...
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Eine Geschichte zur Weihnacht
Es war einer dieser kalten Dezembertage, einer von denen, an denen man schon beim ersten Aufwachen weiß, dass es das Beste wäre, heute lieber nicht aufzustehen. Der Wind ging ums Haus... ach, was heißt ging. Er fegte um das winzige Häuschen, sodass die Türen und Fenster knarrten. So tat das der Wind schon seit Jahren, immer um diese Zeit.
Ella erhob sich schwerfällig aus ihrem Bett, um zu kontrollieren, ob denn das Fenster wirklich geschlossen war. Obwohl sie eigentlich sicher wusste, dass sie es am Abend nicht offen gelassen hatte. Sie wollte eigentlich nicht aufstehen heute. Heute, an dem Tag, an dem sie endgültig vorsprechen sollte. Im Altersheim.
Draußen schneite es inzwischen. Ella ging zum Fenster. Nachdem sie festgestellt hatte, dass es tatsächlich zu war, blieb sie einen Moment lang davor stehen, um kurz die Flocken zu beobachten. Wieder fiel ihr auf, dass sie die Schneesterne nur noch mit Mühe erkannte, dass sie sich anstrengen musste, um den Flockentanz beobachten zu können. „Das ist das Alter. - das Alter. - Deswegen ins Altersheim.“, dachte sie wehmütig. Dann nahm sie jedoch erneut der Tanz der Schneeflocken gefangen. Angestrengt, aber lächelnd sah sie ihrem Spiel zu und lauschte dabei dem Wind.
Dem Wind, den sie seit Jahren verflucht hatte. Er zog durch ihr undichtes Fenster. Er machte die Wohnung, die sie mit viel Kohle und mühe geheitzt hatte, im Nu wieder eisekalt. Auch jetzt lief ihr vor Kälte die Gänsehaut über die Arme. Stets hatte Ella Angst um ihre Kinder gehabt, wenn der Wind so brauste. Sie hatte nie genügend Geld besessen, ihnen wärmere Decken zu kaufen. Manchmal war sie im Krieg beinahe dankbar gewesen, wenn sie in den Keller mussten, in diesen kalten Nächten. Da gab es keine Fenster und der ungestüme Wind konnte nicht hinein.
Während sie so nachdachte, bemerkte Ella plötzlich die Eisblumen, die am Fenster wuchsen. Die eisblumen wuchsen hier auch jedes Jahr, doch jetzt erst fiel Ella ihre Prachtt auf. Sie sahen aus, wie echte Blumen in ihrer Schönheit und Einzigartigkeit. Und der Wind, den sie immer verflucht hatte - plötzlich kam ihr sein Geräusch wie Musik vor. „Ach wind. Ich werde dich vermissen.“, hörte sie sich auf einmal laut sagen.
Es hatte aufgehört, so dicht zu schneien. Ella sah nun das Fenster gegenüber, wo jedes Jahr zur Weihnachtszeit der Schwippbogen zu sehen war. Erst jetzt bemerkte sie sein Licht. Der Bogen läuchtete dort seit vielen Jahren, aber wie heute war er Ella noch nie aufgefallen. Die Landschaft sah so weihnachtlich aus. Das weiß bedeckte Dach, die Straßenlampe, die alles in Glanz und Licht versetzte. „Wie im Märchen.“, hörte sich Ella leise sagen. „Ich habe in einem Märchen gelebt. Ich verlasse ein Märchen.“
Und der Wind sang sein Lied, die Schneeflocken begannen wieder ihren Tanz, die Eisblumen blühten am Fenster, der Schwippbogen leuchtete gegenüber und eine heiße Träne kullerte Ella übers Gesicht, als die Tür aufging und die Schwiegertochter das Zimmer betrat. „Was stehst du hier vor dem Fenster und frierst dir einen ab?“, begrüßte sie Ella in ihrem typischen gestressten Ton. „Ich will mein Märchen noch einmal betrachten, bevor ich es verlasse.“, bekam sie zur Antwort.
Die alte Dame bemerkte zu ihrer eigenen Überraschung, dass sie es ruhig und überzeugt herausbrachte. Sonst war Ella durch den lauten, hektischen tonfall der Schwiegertochter immer verunsichert. Sie hatte großen Respekt vor ihrer jugendlichen Kraft. Immer wieder zeigte ihr Erika, dass Ellas Erfahrungen heute kaum noch etwas gelten, das in diesen Zeiten andere dinge zählen, die ella wohl niemals verstehen wird.
Heute aber war sie nicht eingeschüchtert. „Was denn für ein Märchen.“, entgegnete Erika indes abfällig. „Welche abstrusen dinge du heute wieder von dir gibst. Wirklich. Es wird Zeit, dass du ins Heim kommst.“ Zu ihrem eigenen Erstaunen blieb Ella immer noch ruhig. Sonst war sie bei solchen Bemerkungen immer verletzt, den Tränen nahe. Heute aber war sie ruhig und gelassen, und konnte Ihre Rede beinahe selbst nicht begreifen: „Du tust mir leid, Erika“, begann sie ruhig und sicher. Und ehe die Schwiegertochter sie wieder unterbrechen konnte, sprach sie sanft aber bestimmt weiter: „Du tust mir leid, weil du die Schönheit der eisblumen nicht siehst, und wie herrlich es ist, wie die flocken fallen. Weil du das Lied des Windes nicht hören kannst, weil dir der Schwippbogen im Fenster gegenüber nicht auffällt. Und die herrliche Märchenlandschaft bleibt deinen Augen verborgen... „ Sie schwieg eine Weile. „Ach was Du redest. , versetzte Erika: „Es ist einfach nur kalt und ungemütlich und...“ Ella hatte das noch nie getan, aber jetzt unterbrach sie ihre Schwiegertochter einfach: „Und ich, ich tue mir auch ein Bisschen leid. Weil ich es erst jetzt sehe, wo ich mein Märchen verlasse.“
Von diesem Moment an war die alte Dame wieder schweigsam. Sie ging vom Fenster weg, sprach ein paar Stunden später im Altersheim vor, wohin sie bald umzog. Sie ordnete sich dort fast ohne Probleme unter, war eine friedliche Heimbewohnerin und man sagt, sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, als sie einige Jahre später an einem vorweihnachtlichen Dezembertag diese Welt verließ.
Und Erika dachte nie mehr an diesen Morgen zurück, da sich ihre Schwiegermutter so abstrus geäußert hatte. Bis sie viele Jahre später an einem Wintertag selbst am Fenster Stand, die Koffer schon gepackt für ihren Umzug... _________________ Es ist nicht immer leicht, ich zu sein! |
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patty Berufsposter

Anmeldungsdatum: 15.06.2009 Beiträge: 925 Wohnort: Schermen bei Magdeburg  |
Verfasst am: Mi Jan 13, 2010 23:32 Titel: |
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ich habe neulich gerade erst eine theaterverfilmung gesehen, bei der eine alte frau ins altersheim geht und dort sich selbst, als sie 30, 40, 50 und 60 jahre alt ist, trifft. daran musste ich spontan denken, als ich deine weihnachtsgeschichte gelesen habe. deine ella wirkte ein wenig vertraeumt, geheimnisvoll, nachdenklich und vor allem weise auf mich. ich freue mich fuer sie, dass sie es geschafft hat, ihr maerchen zu erkennen, auch wenn es nur einen kurzen augenblick war - besser als nie. ausserdem hat es mich gefreut, dass ella es geschafft hat, sich dieses eine mal nicht vom tonfall ihrer schwiegertochter verunsichern zu lassen. _________________ I don't suffer from insanity - I enjoy every minute of it ;). |
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Blue Die mit dem Schweinehund tanzt

Anmeldungsdatum: 15.06.2009 Beiträge: 702 Wohnort: Leverkusen  |
Verfasst am: Fr Jan 15, 2010 12:51 Titel: |
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Hey liebe Fanny,
schön dass du deine Geschichte jetzt auch on gestellt hast. Ich mag sie, denn es ist eine kleine, leise Geschichte, die doch sehr viel zu erzählen hat, ganz ohne große Effekte. Ich finde beide Botschaften sehr wertvoll. Einmal wie schön und wichtig es ist, die kleinen positiven Dinge im Leben wahrzunehmen und sie auch schätzen zu können, denn das sind letztendlich die Kraftquellen, die einem den Mut geben, sich wieder einen Schritt vorwärts zu trauen, wenn eine Situation da ist, die eher einer Sackgasse ähnelt. Ich glaube Ella hat diese Kraft zum Schluss nutzen können, sonst wäre sie eher nicht mit einem Lächeln gegangen.
Aber auch die zweite Botschaft hat mich sehr berührt. Immer wieder ist es wohl so, dass man nicht genau wahrnimmt, warum der Mensch, der einem direkt gegenübersteht so handelt, wie er es tut. Lieber stülpen wir ihm unsere Sichtweise über und stopfen ihn in eine passend erscheinende Schublade, als uns selbst ein Stück zu bewegen und die andere Seite erstmal wirklich zu verstehen, bevor wir zu einer Einschätzung kommen. Das ist bequem und hilft den eigenen Ängsten auszuweichen, evtl. das eigene Denken und Fühlen revidieren zu müssen. Aber Erika hat lernen müssen, welchen Preis man dafür zahlt und das man der Erfahrung am Ende sowieso nicht ausweichen kann.
Danke für diese nachdenkliche Geschichte, die mich mal wieder einen Moment aus der Routineblindheit des Alltags gerissen hat.
GLG
Blue _________________ „Der moderne Mensch hat ein neues Laster gefunden: die Schnelligkeit.“
Aldous Huxley |
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scorpio1962 Fleißiges Bienchen

Anmeldungsdatum: 20.06.2009 Beiträge: 262 Wohnort: Nähe Limburg a. d. Lahn  |
Verfasst am: So Feb 07, 2010 11:06 Titel: |
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Vielen Dank, Fanny, für diese Geschichte, die einen zum Nachdenken anregt.
Seit ich selbst in einem Seniorenheim arbeite kann ich solch merkwürdige Gefühle sehr gut nachvollziehen. Wie oft schon habe ich darüber nachdenken müssen, wie es ein wird, wenn ich einmal so alt bin; wie die Welt sich verändert; wie die Jugend, die heute über die Alten lächelt selbst älter wird und damit hilfloser.
Man sollte nicht über alte Menschen und ihre Erfahrungen hinweggehen, sie waren auch einmal jung und haben das Leben mit beiden Händen angepackt, sie können auch in unserer, für uns hektischen, Zeit gute Tipps geben. Und man sollte schon jetzt versuchen, trotz aller Hektik, die Schönheit, die einen umgibt wahrzunehmen. _________________ Life sucks, and then you die.
Yeah, I should be so lucky.
Jacob Black - Breaking Dawn |
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