Alles und Nichts Foren-Übersicht Alles und Nichts



Blue's Weihnachtsoneshot 2009/2010

 
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Alles und Nichts Foren-Übersicht -> Fan Fictions
Vorheriges Thema anzeigen :: Nächstes Thema anzeigen  
Blue
Die mit dem Schweinehund tanzt


Anmeldungsdatum: 15.06.2009
Beiträge: 712
Wohnort: Leverkusen

 BeitragVerfasst am: So Jan 10, 2010 21:37    Titel: Blue's Weihnachtsoneshot 2009/2010 Antworten mit Zitat Back to top

Hallo ihr Lieben,

hier also wie versprochen der Oneshot, auch wenn ich es tatsächlich nicht mehr bis zum Ende der eigentlichen Weihnachtszeit geschafft habe. Ich hoffe ihr habt trotzdem noch Spaß daran.....


01.09.06

Wie benebelt lief er ziellos eine Allee entlang, die nach Berlin führte. Zuerst war er durch die kleinen Straßen von Göberitz gerannt, bis er tränenblind einen Ausgang aus dem Ort gefunden hatte. Dann war er langsamer geworden, bis er schließlich seine normale Gangart wieder fand, genau wie seine Gedanken, die Schritt für Schritt bedächtiger worden. Und doch drehten sie sich im Kreis, auch wenn der Durchmesser größer geworden war. So hörte er nun nicht mehr fortwährend innerlich das so quälende: LISA! WARUM????? Er realisierte jetzt, dass sie ihn tatsächlich hatte stehen lassen. Sie hatte ihn stehen lassen, um David zu heiraten.

ER, der ihr nur Kummer gebracht hatte, ER, der bis zum Schluss voller Egoismus war, ER, der selbst, sollte er es jetzt endlich ernst meinen, dieser Frau nicht mal ansatzweise das Wasser reichen konnte, weil er mehr Kind war, als sie es, in ihrer nach außen hin so naiven Art, jemals seinen konnte. Er besaß doch in keiner Weise Verantwortungsgefühl und schon gar nicht die Weisheit, die man in sich trägt, wenn man wahrhaftig liebt. Oder täuschte er sich? Konnte er ihr doch das Wasser reichen, weil auch sie genauso war? Ihr Verhalten sprach dafür. Sie hatte ihn eiskalt gehen lassen. Nicht einmal die Mühe hatte sie sich gemacht, ihm auch nur ansatzweise zu erklären, warum sie so weit gegangen war, nur um in letzter Sekunde alles für nichtig zu erklären. Unfassbar, dass sie dann wirklich sofort und ohne Umschweif mit David in die Kirche gegangen war.

Was sollte das sein? Selbst wenn es die Liebe war, die sie in seine Arme getrieben hatte, sie konnte doch nicht ernsthaft wollen, dass sie alle Vorbereitungen, alle Gäste, alle Symbole, die für ihr gemeinsames Leben stehen sollten nun second hand benutzt wurden. Noch viel unglaublicher war, dass alle anderen mitliefen! So viel emotionale Kälte, Gehirnverbranntheit und mangelnde Courrage konnten doch gar nicht wahr sein. Das war so schlecht und realitätsfern, dass konnten sich noch nicht mal die Produzenten einer schlechten Telenovela ausdenken! Und doch war es geschehen, denn wenn es ein Albtraum wäre, so wäre er doch sicher schon lange aufgewacht. Doch er schlief nicht, heute war sein Hochzeitstag, bzw. er hätte es sein sollen. Also musste er sich in ihr und in all den anderen getäuscht haben. Sie war nicht die Frau, die er zu lieben glaubte. Sie war ein emotionaler Trampel oder, was noch viel schlimmer war, sie war berechnend. Hatte sie das etwa alles getan, nur um David zurück zu gewinnen? War das alles geplant und er nur das Bauernopfer in einer unfairen Schachpartie? Waren all ihre Gefühle nur inszeniert gewesen? Aber er hatte sie doch gesehen, ihre Liebe. Er hatte sie gesehen in ihren Augen, als sie ihn angesehen hatte und in all ihren Taten. Diese Aufrichtigkeit, diese Wärme, dieses tiefe emotionale Verstehen, wenn sie auf Menschen zuging und ihr etwas am Herzen lag. Wo war all das hin? Verloren in dieser einen Minute, als David vor der Kirche lag?

Rokko konnte nichts gegen diese Gedanken unternehmen. Sie liefen einfach immer weiter. Fragen über Fragen. Er stellte Lisa infrage, sich selbst und alles was mit ihnen zusammenhing und suchte gleichzeitig nach Antworten, die allesamt jedoch nur aus weiteren Fragen und Schmerz bestanden. Der Schockzustand hatte sich wie eine Klaue um ihn gelegt und wollte ihn nicht mehr loslassen. Die Allee führte ihn nach einigen Kilometern in den nächsten Ort und er hielt einen Augenblick an. Was sollte er denn jetzt tun? Immer weiter laufen? Aber wohin? Oder einfach hier bleiben und sich in der nächsten Kneipe betrinken? Nein er hatte Sehnsucht nach etwas Vertrautem. Davon gab es hier nicht allzu viel, zumindest wenig, was ihn nicht an Lisa erinnerte. Doch dann wurde ihm bewusst, wie unsinnig dieser Gedanke war, da er doch nicht an etwas anderes, außer an sie denken konnte. Er beschloss mit der S Bahn zu seiner Wohnung zu fahren, um dort erstmal einen Augenblick zu verschnaufen und dann weiter zu sehen.

Rokko lief also weiter Richtung Ortskern, um eine S Bahnstation zu finden. Immer noch bemerkte er kaum, was um ihn herum vorging und auch den heranfahrenden LKW nahm er nicht wahr, als er die große Hauptstraße überqueren wollte. Wie benommen setzte er einen Fuß vor den anderen und erst die donnernde Hupe riss ihn in die Realität zurück. Doch statt sich in Bewegung zu setzen, blieb er wie angewurzelt stehen und schaute voller Entsetzen auf das unaufhaltsam heranrollende Metallmonster, welches ihn jeden Augenblick erfassen würde. Dann durchzuckte ihn der Gedanke, dass dies vielleicht die Antwort sei und er begann wieder zu atmen. Nur noch eine Sekunde, ein letzter Schmerz und dann würde alles ruhig werden. Rokko begann zu lächeln.

Seine Mundwinkel hatten noch nicht die Endposition erreicht, die nötig gewesen wäre, um dieses Lächeln auch als ein solches interpretierbar zu machen, als er plötzlich einen heftigen Ruck im Rücken spürte und dann mit einer ungeheuren Kraft zurückgezogen wurde. Er stolperte rückwärts und fiel schließlich an der Kante des Bordsteins nach hinten. Der Lkw rauschte mit quietschenden Bremsen nur knapp an ihm vorbei und kam erst ca. 50 Meter weiter zum stehen. Rokko spürte einen brennenden Schmerz in beiden Händen, mit denen er sich unwillkürlich abgestützt hatte, doch diese Wahrnehmung schien nicht wirklich zu ihm zu gehören. Doch das beschäftigte ihn in diesem Moment auch nicht weiter, viel wichtiger war es ihm, herauszufinden, was da gerade geschehen war. Er löste seinen Blick von der Straße und drehte sich um. Unmittelbar hinter ihm hockte eine Frau auf dem Bürgersteig und schien sich ebenfalls nach dem Sturz zu sortieren. Er suchte ihr Gesicht und fand schließlich ein paar tiefbraune Augen, die ihm unglaublich bekannt vorkamen und ihm sofort den Eindruck von Sicherheit vermittelten. Er hielt diesen Blick fest und stellte erstaunt fest, dass sie ebenso fassungslos in die seinen zu blicken schien.

„Hey sie da! Ist ihnen etwas passiert?“, rief eine tiefe, leicht motzige Stimme. Unwillig löste Rokko den Blick und drehte seinen Kopf in die Richtung, des Truckers, der gerufen hatte.
„Ja, ja alles okay.“
Mittlerweile stand der Fahrer des LKWs direkt vor ihm und schaute ihn missmutig und prüfend an.“
„So? Sind sie sich sicher, dass sie sich bei ihrem Himmelsfahrtkommando nicht doch die Gräten gebrochen haben?“
„Nein ganz sicher nicht.“ Rokko sprang auf und bewegte alle Glieder durch, um zu beweisen, dass er fit war.
„Na ich weiß nicht, Was ist mit ihren Händen, die bluten? Wir rufen lieber die Polizei, sonst hängen sie mir noch Fahrerflucht an und das ist das Letzte, was ich gebrauchen kann.“
„Nein! Bitte keine Polizei! Das ist das Letzte was ich heute noch gebrauchen kann. Das sind doch nur kleine Schürfwunden. Oder habe ich etwas an ihrem Fahrzeug beschädigt?“
„An meinem LKW? Scherzkeks! Dafür sind sie nun wirklich nicht stabil genug!“
Rokko verzog das Gesicht. Nicht mal dafür taugte er also. Die Frau hätte ihn besser auf der Straße lassen sollen. Mit diesem Gedanken, fiel ihm ein, dass er noch gar nicht gefragt hatte, ob mit ihr alles in Ordnung sei, schließlich war sie ja auch gestürzt, als sie ihn mit sich gerissen hatte. Er drehte sich also zu ihr um und fragte: „Und bei ihnen? Auch alles in Ordnung?“ Sie nickte ihm nur zu und tatsächlich konnte er keinerlei Verletzung an ihr ausmachen.
„Natürlich ist mit mir alles in Ordnung“, brummte der Trucker und schüttelte den Kopf. „Ich bin ja auch schließlich nicht wie ein Verrückter auf die Straße gerannt. Vielleicht ist es doch besser, wir holen die Polizei, sie scheinen mir etwas verwirrt zu sein.“
„Nein. Wirklich lieber nicht. Wenn sie möchten schreibe ich ihnen meine Daten auf und unterschreibe ihnen auch, dass ich auf die Polizei verzichte und dass es meine Schuld war. Ich habe kein Interesse, ihnen etwas anzuhängen, ich habe heute einfach nur einen schlimmen Tag und will nach Hause, okay?“
Der Trucker überlegte kurz. Einerseits wusste er, dass er damit ein Risiko einging, andererseits hatte er Zeitdruck, also sagte er schließlich zu und fuhr weiter, nachdem Rokko ihm alles nötige aufgeschrieben hatte.

„So du hattest also einen schlechten Tag heute. Wolltest du dich deshalb umbringen?“ Ihre Stimme klang genauso angenehm vertraut, wie ihre Augen aussahen und doch war der vorwurfsvolle Ton nicht zu überhören. Rokko kratzte sich verlegen am Kopf.
„Ich wollte mich nicht umbringen. Ich habe einfach nur nicht aufgepasst, das ist alles.“
„So?“ Die Frage war stechend und ließ keinen Zweifel daran, dass sie ihm nicht recht glaubte.
„Ja es war so….auch wenn ich zugeben muss, dass ich in dem einen Moment, als mir bewusst wurde, das dieser LKW mich erwischen würde, es gar nicht so schlecht fand. Aber mein Gott, ich war geschockt und heute ist wirklich der schlimmste Tag in meinem Leben, da wird so ein kurzer Gedanke doch wohl erlaubt sein.“ Er schaute sie so mit einer Mischung aus Verwunderung, Überrumplung und Bockigkeit an, dass sie schmunzeln musste.
„Schon besser. Geht doch. Reden soll da helfen habe ich mir sagen lassen!“
Ihre Selbstsicherheit verblüffte ihn maßlos und immer mehr beschlich ihn das Gefühl, sie kennen zu müssen.
„Sagen sie, … also ich weiß, das hört sich jetzt nach einer billigen Anmache an, aber ganz im ernst, kennen wir uns? Ich meine sie kommen mir wirklich vertraut vor und sie duzen mich auch, also …?“
Augenblicklich lief sie leicht rot an und war plötzlich gar nicht mehr so selbstsicher.
„Ähm nein wir kennen uns nicht. Also ich hatte vorhin auch das Gefühl, dass ich sie bereits kenne, aber so sehr ich auch grübele, ich kann mich nicht erinnern, aber wenn ihnen auch nichts Konkretes einfällt, dann kennen wir uns sicher nicht richtig.“ Rokko hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, dass sich eine tiefe Traurigkeit in ihre Stimme geschlichen hatte, doch schon bei den nächsten Worten konnte er diese nicht mehr ausmachen und so verwarf er den Gedanken gleich wieder. „Vermutlich sind wir uns einfach schon mal irgendwo begegnet, beim einkaufen oder so, anders kann ich es mir nicht erklären. Und das mit dem duzen …entschuldigen sie bitte. Ich hab das gar nicht gemerkt. Ich glaube das war einfach die Situation. Sie haben mir so einen Schrecken eingejagt und nachdem ich sie weggezogen habe….“
„Oh sie müssen sich nicht entschuldigen, im Gegenteil, ich muss mich entschuldigen. Sie haben mir das Leben gerettet und ich habe mich noch nicht einmal bedankt. Das ist unverzeihlich unhöflich. Wie kann ich mich also bei ihnen bedanken?“
„Ist schon gut, wirklich. Ich hatte selbst mal einen schlimmen Verkehrsunfall in einer ähnlichen Situation. Insofern hilft mir das hier vielleicht sogar, mein Trauma diesbezüglich zu verarbeiten. Ich meine hey, es ist alles gut gegangen und keiner ist tot, das ist doch positiv, nicht war.“
„Ja das ist es.“ Rokko zögerte einen Moment. „Darf ich sie etwas fragen?“
„Ja“, erwiderte sie schlicht und sah ihn forschend an.
„Bei ihrem Unfall, ist da jemand gestorben?“
„Hm…nein nicht wirklich. Oder doch. Ein Teil meines Ichs. Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, was vor dem Unfall war und an das Danach erst ab dem Zeitpunkt, wo ich körperlich wieder auf dem Damm war. Mein Berufsleben und meine Hobbys, all das was ich gemacht habe ist noch ganz klar da, aber alle Beziehungen zu Menschen, die sind wie ausgelöscht. Das ist schrecklich wissen sie.“
Rokko schluckte. „Ja das kann ich mir vorstellen. Auch wenn es bei mir nicht ganz so ist, aber ich habe gerade etwas erlebt, dass mir zumindest einen Einblick gibt, wie sie sich damit fühlen müssen. Also ich möchte mich wirklich bei ihnen bedanken. Kann ich sie zum Essen einladen? Vielleicht haben sie Recht und reden hilft uns beiden und möglicherweise fällt ihnen ja auch noch etwas ein, womit ich mich wirklich bei ihnen bedanken könnte.“
„Essen? Hm, wenn ich ehrlich sein soll, habe ich weder Hunger noch Durst, aber was halten sie davon, wenn wir ein Stück zusammen durch den Park gehen? Ich liebe die großen Bäume dort, wissen sie?“
Rokko nickte und so gingen sie gemeinsam los. Am Eingang des Parks stand ein Brunnen, an dem Rokko seine Schürfwunden vorsichtig auswusch, während sie beruhigend ihre Hand auf seinen Unterarm legte. Es war ein ganz seltsames Gefühl, aber er spürte, dass es wie ein wohltuender Balsam auf ihn wirkte und dieses Empfinden half nicht gerade, seine Verwirrung zu beseitigen. Schließlich gingen sie weiter und Rokko begann seine Geschichte zu erzählen. Sie war eine gute Zuhörerin und ihre Fragen bewiesen ein aufrichtiges Interesse. Von ihr hatte er bisher nur wenig erfahren, außer das sie Anna Thiemann hieß, ihren Beruf der Bibliothekarin sehr liebte und, dass sie seit ihrem Unfall eher zurückgezogen lebte. Gerade als er ein wenig mehr erfahren wollte, sprach ihn jemand von der Seite an.
„Entschuldigung, sind sie Rokko Kowalski?“
Rokko drehte sich zu dem Mann, der ihn erwartungsvoll ansah und erblickte sofort das Aufnahmegerät, welches er ihm nun entgegenstreckte. „Herr Kowalski, warum hat ihre Braut sie verlassen und mit wem reden sie da eigentlich die ganze Zeit?“, überschlug sich der Reporter aufgeregt. Rokko stöhnte laut auf, dann folgte er dem Blick des Störenfriedes, der sich auf die Stelle richtete, an der Anna kurz zuvor noch gestanden hatte. Offensichtlich wollte sie nicht interviewt werden und hatte sich schnellst möglich aus dem direkten Gefahrengebiet verdrückt. Rokko wollte das auch, aber er brauchte fast 5 Minuten, um den Quälgeist los zu werden. Diese Minuten waren unerträglich für ihn und nur die Hoffnung Annas tröstliche Anwesenheit noch ein bisschen genießen zu können, wenn er diesen ungebetenen Schreiberling losgeworden war, ließen ihn die Contenance halten. Er schaute sich um, doch er konnte sie nicht mehr erblicken. „Anna?“, rief er leise. Dann noch einmal lauter, doch es folgte keine Reaktion. Er suchte den halben Park ab und fragte verschiedene Personen, die ihm begegneten, doch sie blieb wie vom Erdboden verschluckt.
„Weg, sie ist einfach weg gegangen“, sagte er voller Resignation. Er nahm sich ein Taxi, fuhr nach Hause und vergrub sich in sein Bett, wo er einige Tage blieb und weder auf Telefonanrufe, noch auf das Klingeln der Haustür reagierte.


20.12.06

Vom Fenster aus beobachtet Rokko, wie die ersten Schneeflocken leise auf die Erde niederfielen. Für einen winzigen Moment machte ihn das glücklich. Doch dann drängten sich ihm schon wieder Bilder von Lisa auf. Es waren die Bilder vom letzten Winter, als sie mit rotgefrorener Nase den Baum umarmt hatte und er davon verzaubert worden war. Unwillig schüttelte er den Kopf. Er hatte einfach noch zu wenig Arbeit. So konnte das auf keinen Fall weiter gehen! Sicher, nach dem er sich den ersten Monat total vergraben hatte und einfach gar nichts getan hatte, außer sich selbst zu bemitleiden und abwechselnd wütend, niedergeschmettert oder völlig regungslos zu sein, hatte er sich wieder ein Leben geschaffen. Das war seine Rettung und er wusste, er konnte stolz auf das sein, was er seit Oktober erreicht hatte. Seine eigene kleine Werbefirma, die hauptsächlich auf Internetwerbung spezialisiert war und es ihm so ermöglichte, sich möglichst wenig in der Öffentlichkeit präsentieren zu müssen, war gut angelaufen und auch, wenn er noch nicht mit Aufträgen um sich schmeißen konnte, so hatte er doch das ein oder andere Projekt angenommen und die Data Morgana GmbH war schon kein unbekannter Name mehr in Berlin. Doch freuen konnte er sich noch nicht so recht darüber. Nicht um sonst hatte er die Firma so genannt. War sie wirklich der Anfang für ein neues erfülltes Leben, oder war das nur eine Illusion? Seine Kerima – Kontakte hatte er jedenfalls komplett abgebrochen und nicht reagiert, wenn der ein oder andere versucht hatte, mit ihm zu sprechen. Zuerst hatte er überlegt, in einer anderen Stadt neu anzufangen, einfach weiter zu ziehen, so wie er es bisher immer getan hatte, doch dann wollte er sich selbst beweisen, dass er bleiben konnte. Er wollte nicht mehr flüchten. Diese Anna hatte ihm das Leben gerettet, jetzt wollte er es in die Hand nehmen.

Rokko überlegte, ob er die letzten Aufgaben für dieses Jahr noch erledigen sollte, doch er entschied sich dagegen. So würde er zumindest am nächsten Tag noch etwas zu tun haben, denn die Weihnachtszeit würde sich auch so noch lange genug hinziehen. Er hatte alle Angebote bei der Familie oder bei Freunden Weihnachten zu feiern abgelehnt. Er fühlte sich definitiv nicht stark genug dafür, die besorgten Blicke zu ertragen und die sicher lieb gemeinten Angebote, sich einmal so richtig auszusprechen, auszuschlagen, denn das wollte er nicht. Er ging seinen eigenen Weg in der Verarbeitung und davon abgesehen, wollte er nicht riskieren emotional zusammenzubrechen und jemanden die Feiertage zu verderben.

Der Werbefachmann packte seinen Sachen zusammen, schloss das Büro ab und entschied sich, eine Weile durch den frischen Schnee zu spazieren. Die Luft war klar, die vielen Lichter in den Fenstern und das Knirschen der weißen Pracht unter seinen Füßen zauberte ein märchenhaftes Flair auf die Straßen Berlins. Er verfiel dieser Stimmung und konnte sich nicht wehren, als sich ein Tagtraum in ihm breit machte. In diesem Traum lief er mit Lisa Hand in Hand diese Straßen entlang. Sie trug den Ring seiner Großmutter und ihr Blick war voller Liebe und nahm ihn ganz gefangen. Er wusste wie weh es tun würde, wenn die Realität ihn zurück rufen würde und doch hielt er an diesem Bild fest. Zu fest. Und doch nicht so fest, wie der unerwartete Griff um sein Handgelenk und den Ruck, den er am Arm verspürte, als von dem Griff ein mächtiges Ziehen ausging. Gleichzeitig ertönte schrill eine Hupe und das Bild wurde weggerissen. Rokko machte einen Ausfallschritt nach hinten, geriet aber glücklicherweise nicht ins Stolpern, sondern fand gleich einen festen Stand. Das Adrenalin schoss wie wild durch seine Adern, als er realisierte, dass er um ein Haar schon wieder beinahe überfahren worden wäre. Lisa scheint es wirklich darauf anzulegen mich umzubringen, dachte er einen Augenblick bitter, wurde sich dann aber auch gleich bewusst, wie egozentrisch dieser Gedanke war.

„Meine Güte, ich dachte wirklich du wärst beim letzten Mal einfach verpeilt gewesen, aber das scheint ja zu deinem Hobby geworden zu sein. Dir muss doch klar sein, dass ich nicht immer Zeit habe dich zu retten, oder?“
Rokko fuhr erschrocken herum. Richtig, da musste es ja noch einen Verursacher für das Reißen an seinem Arm geben… oder besser eine Verursacherin. Es war ganz merkwürdig, aber er wunderte sich gar nicht, wieder auf diese tiefbraunen und so beruhigenden Augen zu treffen. Seine Atmung wurde sofort langsamer und seine Muskeln entspannten sich zusehends. Anna hingegen schien völlig fassungslos und aufgebracht zu sein. Der Schreck war ihr mehr als nur deutlich anzusehen.
„Na ja“, antwortete er etwas verlegen und grinste sie schief an. „Ich gebe mir Mühe es mir abzugewöhnen. Im September war es noch ein Truck, diesmal schon ein ganz normaler PKW vielleicht ist es beim nächsten Mal nur noch ein Motorroller oder sogar ein Fahrrad. Sie müssen zugeben, dass ich lernfähig bin.“
„Na sie machen mir Spaß“, wechselte Anna übergangslos zum Sie zurück. Eigentlich wollte sie ihn ermahnend oder sogar wütend anschauen, aber sein jungenhafter Charme brachte sie doch zum Lächeln.
„Ich hoffe doch sie wollten sich auch diesmal eher nicht umbringen?“
„Nein“, antwortete Rokko ganz ernst. „Aber da sie mir nun schon zum zweiten Mal das Leben gerettet haben, dürfen sie es mir diesmal nicht ausschlagen, sie zum Essen einzuladen.“
„Aber ich kann doch auch nichts dafür, wenn sie immer genau dann dabei sind, ihr Leben zu verspielen, wenn ich gerade erst gegessen habe“, meinte sie entschuldigend und zuckte mit den Schultern.
„Nun wir müssten ja nicht jetzt … also könnte ich sie vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt? Also ich meine, wenn sie möchten …“
„Ja das wäre nett“, strahlte sie ihn an, denn er war in seiner Verlegenheit unglaublich niedlich.
„Das freut mich. Wann haben sie denn Zeit?“, fragte Rokko ein wenig aufgeregt, ohne sich diese Emotionsregung erklären zu können.
„Hm, ich fürchte erst wieder am Heiligen Abend, denn vorher muss ich noch arbeiten und bin Abends verabredet, aber das dürfte ja eher nicht so passen. Also dann erst wieder nach Weihnachten.“ Anna schaute ihn fragend an und schien nun ihrerseits recht unsicher zu sein.
„Sie haben am Heiligen Abend gar nichts vor? Keine Familie oder Freunde oder so“, fragte Rokko verwundert.
„Bemitleidenswert, nicht?“ Sie schaute ihn dabei halb spöttisch, halb traurig an.
„Hm nicht mehr, als bei mir auch. Ich habe alle Einladungen dieses Jahr abgesagt, weil ich an diesem Tag lieber richtig einsam bin, als einsam zu sein, obwohl ich das wohl nicht dürfte, wenn ich in der Gesellschaft der Menschen bin, die mich lieb haben. Aber ich fühle mich nun mal momentan alleine, weil es mir nicht gelingt mein Innerstes so zu teilen, dass mein Umfeld es auch wirklich nachvollziehen kann. Wissen sie, alle haben wirklich gute Ratschläge und eine ganz vernünftige Meinung zu dem, was in mir so gerade vorgeht und dennoch trifft nichts davon mein Empfinden und ich fühle mich einfach nicht verstanden. Das ist vermutlich nicht sehr fair, aber so ist es und deshalb wollte ich lieber alleine sein. Ich weiß nicht, ob das für sie einen Sinn ergibt.“
„Doch das tut es, ganz sicher sogar. Bei mir ist es irgendwie ähnlich. Ich habe ihnen ja schon erzählt, dass mir viele Erinnerungen fehlen. Diese Erfahrung wirklich zu teilen ist mir nie gelungen. Ich habe die Menschen, die zu meinem früheren Leben gehört haben nie wieder gefunden. Und frage sie jetzt nicht warum das so ist, denn es ist einfach so und ich will diesen Schmerz nicht mehr. Und die Menschen, die ich danach kennen gelernt habe, zu denen habe ich zwar eine Art Beziehung aufbauen können, aber immer wenn es darum ging wirklich etwas über mich preis zu geben, dann konnte ich nicht viel erzählen, denn ich weiß ja eigentlich gar nicht mehr wer ich bin. Ich bleibe die Antwort schuldig und damit in letzter Konsequenz auch einsam oder auch eindimensional, wenn sie so wollen. Deshalb wollte auch ich dieses Fest lieber alleine verleben.“
„Hm, ich persönlich finde nicht, dass sie eindimensional sind, ganz im Gegenteil. Und ich glaube, sie sind eine Persönlichkeit, über die es viel zu erzählen gibt, auch wenn ihnen die Erinnerungen fehlen.“
„Ach ja? Ich habe nur meinen Job und meine Hobbys und das ich die Menschen an sich nun mal gerne mag, aber das war es auch schon. Ich kann nichts über meine Kindheit oder Jugendzeit erzählen, warum ich so fühle und denke, wie ich es jetzt tue. Es gibt keine Zukunft ohne Vergangenheit, so ist das nun einmal und das ist auf Dauer nicht besonders interessant. Ich werde kaum beachtet von den Menschen. Das soll kein Haschen nach Mitleid sein oder so was, das ist einfach so und liegt sicher auch daran, dass ich mich selbst auch ein gutes Stück unsichtbar mache, indem ich mich einfach aus dem Vordergrund zurückhalte. Ich habe mich so eingerichtet, weil sich mir nach dem Unfall kein anderer Weg erschlossen hat und ich mag es inzwischen so wie es ist.“

Rokko schaute sie eine Weile nachdenklich an. Zuerst wollte er protestieren, ihr all die Dinge sagen, die ihm bei ihren Worten aufgefallen waren und die eine gewisse Unlogik in sich bargen. Genauso wollte er ihr sagen, dass er in ihrer ganzen Haltung spürte, dass sie ganz offensichtlich Emotionen zurückhielt, die besser herauskommen sollten, aber dann hielt er sich zurück. Würde er dann nicht genauso handeln, wie seine Freunde? Sicher mit dem guten Vorsatz auf sein Gegenüber zu zugehen um zu helfen und Alternativwege aufzuzeigen. Ihr quasi seinen Weg aufdrängen, ohne bis ins Letzte zu verstehen, warum sie die Dinge nun einmal sah, wie sie sie sah? Nein, lieber wollte er ihre Sichtweise herausfinden, sie wirklich verstehen und wenn sie ihn ließ, vielleicht würde sie dann ja auch etwas über sich selbst entdecken, dass ihr jetzt noch verborgen war. Deshalb setzte er nun ganz anders an:

„Okay, aber wenn sie jetzt schon mal dafür gesorgt haben, dass ich sie beachten muss, weil sie mich immer so unsanft von der Straße reißen, dann könnten wir doch auch gemeinsam den 24ten hinter uns bringen. Ich meine, wir wollen beide das gleiche und erwarten nicht voneinander, unsere Einsamkeit aufzugeben. Das sind doch gute Voraussetzungen, oder wie sehen sie das?“

Anna musste augenblicklich schmunzeln. Dieser Typ war echt ne Marke und er hatte sie mit der Selbstverständlichkeit seiner Antwort überrascht. Jeder andere hätte wohl versucht sie zu bekehren oder so etwas, doch er schien sie einfach so zu akzeptieren. Wieder spürte sie plötzlich dieses Gefühl, dass er ihr so unsagbar vertraut war. Ob er vielleicht doch jemand war, den sie vor ihrem Unfall gekannt hatte? Aber das konnte nicht sein, denn schließlich müsste er sich ja dann an sie erinnern und das tat er nicht, wenn sie seinen Worten Glauben schenken durfte.

„Na gut, dann haben wir also eine Verabredung. Wann und wo?“
„Hm, bei mir um die Ecke gibt es einen sehr guten Italiener. Ich gehe dort oft abends essen und ich denke ich könnte dort noch einen Tisch bekommen. Mögen sie italienisch?“
„Ja, ich denke das ist in Ordnung.“
„Gut, dann um 19:00Uhr? Ich hole sie von zu Hause ab, wenn sie möchten.“
„Nein das ist nicht nötig“, wehrte sie ab. „Ich weiß noch nicht genau ob ich vorher zu Hause bin oder noch unterwegs. Geben sie mir einfach die Adresse, dann treffen wir uns dort.“
Rokko stimmte zu und sagte ihr den Namen des Restaurants und die Adresse, dann schaute er sie an und schien einen Moment mit sich zu ringen. Schließlich atmete er durch und traute sich dann doch zu fragen:
“Und jetzt? Haben sie noch etwas vor?“
„Wieso?“
„Na ja, ich dachte wo es langsam zur Tradition wird, dass sie mich retten, könnten wir doch auch wieder eine Runde spazieren gehen und so die Tradition ausweiten, was meinen sie?“
Anna grinste ihn an. „Okay einverstanden, aber nur wenn wir zum du übergehen. Ich finde es nämlich anstrengend, jedes Mal im ersten Schreck du zu sagen und dann doch wieder zum Sie überzugehen.“

Rokko stutze im ersten Moment. Er war nervös gewesen als er sie gefragt hatte, weil er nicht wusste, ob er sie nicht vielleicht verschrecken würde mit so viel Interesse. Deshalb war er sehr zufrieden mit sich gewesen, das ganze in einer so lockeren und leicht provozierenden Art verpackt zu haben und nun ging sie einfach so daher und setzte einen oben drauf, statt erstaunt zu sein. Aber gut, er war schließlich Rokko Kowalski, davon würde er sich ganz sicher nicht aus der Bahn werfen lassen!

„Einverstanden, aber dann habe ich auch noch eine Bedingung: Sie … also du verschwindest nicht wieder so plötzlich, ohne wenigstens Tschüss zu sagen.“
Anna musste erst überlegen, bevor sie verstand, wovon er sprach. „Ach du meinst wegen des Reporters. Na weißt du, ich wollte einfach nicht, dass er mich auch etwas fragt. Ich sagte dir ja schon, ich stehe nicht gerne im Vordergrund und da bin ich eben ein Stück zur Seite gegangen. Als er weg war, hast du ja nach mir gerufen, aber du hast meine Antwort nicht wahrgenommen und dann bist du so schnell los, da habe ich dich aus den Augen verloren und dann bin ich eben auch nach Hause. Also wenn man es genau nimmt, dann bist du verschwunden.“
„Aber Anna, das kann nicht sein“, erwiderte er verwirrt. Du warst nicht mehr da, ich hab doch überall geschaut und ich habe wirklich nicht gehört, dass du auf mein Rufen nach dir geantwortet hast.“
„Hab ich aber, ehrlich und dann ging alles ganz schnell und du warst schon um die Ecke. Ich glaube dieser Reporter hat dich doch sehr aufgewühlt, kann das sein? Jedenfalls kam es mir komisch vor, dir nachzulaufen, wo wir uns doch kaum kennen, also habe ich es gelassen. Aber das ist ja jetzt eh vorbei, wir laufen heute einfach beide nicht weg, was meinst du?“

Rokko schaute sie immer noch irritiert an. Er hätte sie doch sehen müssen, wenn sie noch dort gewesen wäre. Aber warum sollte sie lügen? Sie hatte doch gar kein Motiv. Schließlich hatte er ja kein Recht darauf, dass sie damals auf ihn hätte warten sollen. Er schüttelte den Gedanken ab und lächelte sie an.
„Na gut, so machen wir das, denn es stimmt, was gewesen ist, lässt sich nicht mehr ändern.“
Sie gingen zusammen los und Rokko stellte erfreut fest, dass Anna den Schnee genauso liebte wie er selbst und so genossen sie beide diesen Spaziergang ganz besonders.

„Sag mal“, nahm Rokko das Gespräch wieder auf, „wie kommt es eigentlich, dass ich dich hier treffe? Ich habe gedacht du wohnst dort, wo du mich das erste Mal von der Straße gezogen hast.“
„Ja tue ich auch. Aber ich arbeite hier in der großen Stadtbibliothek und habe noch ein möbliertes Zimmer hier. Weißt du, es ist ein bisschen peinlich, aber manchmal kann ich mich nicht von den Büchern lösen und dann bleibe ich die halbe Nacht dort. Da ist es gut ein Zimmer direkt vor Ort zu haben.“
„Oh da beneide ich sie äh dich fast“, grinste er Anna etwas verlegen an. „Ich hätte auch gerne so viel Arbeit, dass ich mich ganz darin verlieren könnte, aber meine kleine Firma läuft gerade erst an.“

Das war wie ein Stichwort für seine Begleiterin und ehe Rokko es sich versah wusste Anna nun endgültig alles, was es zu Lisa, Kerima, sein Leben davor und danach zu wissen gab. Er erzählte einfach darauf los und konnte gar nicht mehr aufhören. Er wunderte sich dabei sehr über sich selbst, denn das war doch eigentlich genau der Punkt mit dem er im Augenblick so haderte. Er konnte sich seinen Freunden gegenüber kaum öffnen, so wie er es ihr kurz zuvor noch beschrieben hatte. Und nun? Er wusste nicht woran es lag, aber er vertraute ihr und ihre Art Fragen zu stellen erschütterten ihn einerseits, doch auf der anderen Seite gaben sie ihm so etwas wie ein Gefühl zu Hause zu sein. Er hatte keine Angst sich ihr zu zeigen, trotz der Verletzungen, die er hatte und die ihn so angreifbar machten. Es wunderte ihn, aber er spürte wie gut es ihm tat. Er hatte keine Vorstellung davon wie viel Zeit wohl vergangen war, als er sein Herz ganz ausgeschüttet hatte, aber sie liefen immer noch durch die Straßen, ohne das ihm auch nur ansatzweise kalt geworden war. Er schaute Anna an und auch sie schien völlig entspannt zu sein. Und sie war hübsch, das musste er zugeben. Ein ganz warmes Gefühl machte sich in ihm breit, als er sie so betrachtete und er war sich sicher, sie nicht wieder so schnell aus seinem Leben gehen lassen zu wollen. In diesem Augenblick begann er sich zu schämen. Sie hatte ihm das Leben gerettet. Zwei Mal! Und was machte er? Er textete sie nur mit seinen Problemen zu. Er wusste noch fast gar nichts von ihr. Wie sollte er denn da etwas finden, mit dem er sich angemessen bedanken könnte, etwas das ihr wirklich Freude machte?

Er räusperte sich und überlegte kurz, wie er am besten vorgehen sollte, doch dann entschied er sich für die direkte Art.
„Anna es tut mir leid. Du rettest mir das Leben und zum Dank texte ich dich mit meinen Problemen zu. Dabei möchte ich mich wirklich bei dir bedanken und ich möchte auch etwas über dich erfahren. Wer ist diese Frau, die immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist und warum bist du mir so vertraut? Ich weiß das klingt verrückt, aber so ist es. Ich will nicht dass du denkst ich bin ein Verrückter der dir nachstellen will oder so was. Ein Wort von dir genügt und ich lass dich in Ruhe, aber ich hoffe sehr, dass du mir eine Chance gibst dich kennen zu lernen und dass ich mich irgendwann bei dir revanchieren kann für das, was du bereits für mich getan hast.“
„Aha, das heißt jetzt also ich soll vor ein Auto rennen, damit du mich retten kannst? Ich denke das ist wirklich verrückt“, meinte sie sehr ernst und mit einem sehr spitzen Unterton, der Rokko zusammenfahren ließ.

Er hatte es also versaut, war zu schnell vorgesprungen und nun zog sie sich verständlicherweise zurück. Ihm wurde augenblicklich ganz komisch zu Mute und fast panisch rief er: „Nein! So war das doch nicht gemeint.“
Anna fing an zu lachen. Sie lachte mit einer solchen Herzlichkeit und Tiefe, dass Rokko einerseits total verwirrt war, andererseits aber auch alle Angst verlor und nicht einmal sauer sein konnte, dass sie sich scheinbar einen Scherz mit ihm erlaut hatte.
„ Reingefallen“, kicherte sie. „Mensch Rokko! Ja sicher, normalerweise würde ich dich wohl für jemand halten, der versucht mir nachzustellen, aber ich hab dir doch auch schon gesagt, dass ich dieses seltsame Gefühl habe, dich schon lange zu kennen. Ich meine, ich laufe doch nicht schon seit 2 Stunden mit dir durch Berlin und höre mir deine Geschichte nicht nur an, sondern quetsche dich regelrecht aus, wenn ich kein Interesse daran hätte, dich besser kennen zu lernen. Vielleicht sollte ich ja Angst haben, dass du in Wirklichkeit ein Massenmörder bist, der nur darauf wartet mich gestückelt in Gefrierbeutel zu verpacken, aber ganz ehrlich, ich war mir noch nie so sicher, dass ich vor etwas keine Angst haben muss, wie bei dir und glaub mir, im Angst haben bin ich ganz große Klasse.“

Rokko war völlig baff von diesen Worten und wusste nicht, ob sie ihn vielleicht doch nur veralbern wollte, doch dann schaute er in ihre Augen und begriff dass sie es ernst meinte. Dennoch stieg der Zweifel in ihm hoch. Hatte er das bei Lisa nicht auch immer geglaubt? War er sich nicht sicher, dass es Liebe war, die er in ihren Augen gesehen hatte? Warum sollte er sich jetzt also sicher sein, dass Anna ihn nicht anlog, er kannte sie doch kaum. Anna erwiderte seinen Blick standhaft.
„Rokko ich bin nicht Lisa und selbst bei ihr weißt du nicht wirklich, warum sie so gehandelt hat und welche ihrer Gefühle echt waren oder auch nicht“, sagte sie dann ganz sanft, als ob sie seine Gedanken lesen könnte.
Rokko zuckte zusammen. „Woher weißt du…“ brachte er mühsam hervor.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht….“
Beide blickten sich staunend an und schließlich war es Rokko, der sich zuerst aus der Starre löste.
„Also quid pro quo, meine Liebe. Erzähl etwas von dir….bitte.“
„Ach Rokko, was soll ich denn von mir erzählen? Das mir die meisten Erinnerungen fehlen, weißt du doch schon.“
„Aber du lebst doch jetzt. Was tust du? Erzähl von deiner Arbeit und davon was du dir wünschst, was du verändern möchtest, von dem was dich bewegt.“

Sie stockte einen Augenblick und nickte dann aber. So erfuhr Rokko, dass sie nach dem Unfall niemanden mehr finden konnten, weil sie immer wieder neue Gedächtnislücken hatte, wenn sie wieder etwas herausgefunden hatte. Sie hatte einen Pass in dem ihr Name stand und irgendwann hatte sie beschlossen nicht mehr zu suchen, weil der Frust darüber sie aufzufressen drohte. Sie hatte sich eine Wohnung in dem Berliner Vorort genommen und dort in einem Buchladen gearbeitet, aber dort war sie nie wirklich angekommen, denn die Chefin hatte hauptsächlich das Verkaufen im Blick, dafür aber keine wirkliche Liebe zu ihrer Arbeit. Sie hatte das Gefühl dort gar nicht wahrgenommen zu werden und hatte deshalb in der Stadtbibliothek angefangen und sich dort ein Zimmer genommen, um nicht jeden Abend nach Hause fahren zu müssen. Sie behielt die Wohnung in dem kleinen Ort eigentlich nur, weil sie den Park dort so liebte. Sie berichtete von ihrer Arbeit und ihre Augen leuchteten dabei ganz hell auf. Rokko fand es faszinierend wie gut sie den Geruch der Bücher beschrieb, mit wie viel Liebe sie erzählte, in welchen Büchern sie sich selbst ganz verlieren konnte und wie sie ihm die Gesichter der Menschen schilderte, die sich ebenfalls vollkommen vergessen konnten über den gedruckten Wörtern und Fantasien, die sie in den Büchern fanden. Doch dann erzählte Anna ihm auch von der Einsamkeit, die sie oft empfand, von ihrem Wunsch endlich die Antwort darauf zu finden, was vor dem Unfall war, aber auch von vielen seltsamen, aber unüberwindbaren Ängsten, die sie im Alltag hatte und die sie von der Suche abhielten. Rokko wollte gerade nachhaken, was es mit diesen Ängsten auf sich hatte, als er schräg gegenüber den Friedhof wahrnahm. Es war ein sehr großer und wunderbar begrünter Friedhof und Rokko ging manchmal dort spazieren, weil er die Ruhe so mochte und weil er sich gerne ausmalte, welche Geschichten sich wohl hinter den Namen verbargen. Er erinnerte sich, dass Anna so von dem Park geschwärmt hatte und fragte sie deshalb spontan, ob sie nicht dort noch ein Stück zusammen gehen sollten. Er schaute sie an und erschrak. Ihr Blick war seiner Hand gefolgt und war nun geradewegs auf das Eingangstor des Frieshofs gerichtet. Ihre Augen waren weit aufgerissen und die von der Kälte geröteten Wangen waren in sekundenschnelle aschfahl geworden. Ihre Unterlippe zitterte und sie schüttelte den Kopf. Ein fast stimmloses „Nein“ entfuhr ihr und sie war wie angewurzelt stehen geblieben.

„Was ist denn los?“ Rokko schaute sie bestürzt und besorgt an und legte seine Hände beruhigend auf ihre Schultern. „Bring mich bitte zur S Bahn, ja? Ich muss hier weg Rokko, jetzt sofort“, flehte sie ihn an und Rokko tat worum sie ihn gebeten hatte. Er drehte sie um und nahm ihren Arm damit sie sich bei ihm einhaken konnte, dann führte er sie in Richtung S Bahn. Sie schien immer noch geschockt und verängstigt zu sein. Und so hielt er auf halber Strecke an.
„Anna sollen wir nicht lieber erst mal irgendwo einen Tee trinken oder so. Du bist ja ganz aus der Fassung.“
„Du hältst mich jetzt bestimmt für verrückt, oder?“
„Nein natürlich nicht. Aber ich frage mich ob ich etwas falsch gemacht habe und was ich tun kann, damit es dir besser geht.“
„Nein Rokko, du hast nichts falsch gemacht“, erwiderte sie sanft und schien plötzlich deutlich gefasster zu werden. „Weißt du, du bist nur gerade meiner größten Angst begegnet. Die kleinen Ängste, dass sind z.B. die, wenn plötzlich zu viele Menschen auf engem Raum da sind, oder wenn es irgendwo hektisch wird. Schon schlimmer ist es, wenn ich Staumeldungen höre oder Unfälle passieren, aber am schlimmsten ist genau dieser Friedhof auf den du mit mir wolltest. Ich weiß nicht warum das so ist, nur dass es ganz sicher etwas mit meinem alten Leben zu tun hat. Rokko ich will es herausfinden, wirklich, ich wünsche mir nichts sehnlicher. Aber immer wenn ich versucht habe auf diesen Friedhof zu gehen, konnte ich es nicht. Entweder wurde die Angst so groß, dass ich einfach weggerannt bin, oder ich habe eine weitere Gedächtnislücke und kann mich an nichts mehr erinnern. Das ist, als ob ich ohnmächtig werde und plötzlich irgendwo wieder aufwache, nur dass ich dann schon wieder völlig im Leben stehe. Meistens werde ich mir wieder bewusst, wenn ich auf der Arbeit bin. Jetzt gerade war ich glaube ich kurz davor wieder wegzudriften, wenn du mich nicht weggebracht hättest. Ich weiß, dass dort der Schlüssel ist, aber ich komm nicht an ihn heran.“ Sie fing an zu weinen und Rokko nahm sie tröstend in den Arm. Sie waren ganz alleine in der kleinen Seitenstraße und Anna schien froh darum zu sein, denn zwischen dem Schluchzen, meinte sie sehr erleichtert zu sein, dass sie Rokko jetzt nicht mit weiteren Menschenmassen teilen müsste. Rokko überlegte fieberhaft wie er ihr helfen könnte, doch er musste das Gesagte erstmal verdauen. Als ihre Tränen versiegten, fragte er sie noch einiges, doch noch konnte er das Puzzle nicht so recht zusammensetzen, dazu war einfach zu viel Emotionales an diesem Tag passiert. Schließlich bat sie ihn, sie zur S Bahn zu begleiten und sie dann aber alleine nach Hause fahren zu lassen. Rokko willigte nur ungern ein, aber sie bestand darauf und so verabschiedeten sie sich auf dem Bahngleis.

Rokko seufzte, als er alleine zu Hause auf seinem Sofa saß. Am liebsten hätte er sie gleich wieder gesehen und er wünschte sich etwas für sie tun zu können, aber er wusste, dass er ihren Wunsch jetzt alleine zu sein respektieren musste. Das würde auch bedeuten, dass er nicht einfach morgen in die Bibliothek marschieren durfte, obwohl er genau das nur zu gerne tun würde. Aber nein, sie hatte ihn deutlich darum gebeten, dass sie sich erst am 24ten wieder sehen würden und er hatte es ihr versprochen. Er wollte ja nun wirklich nicht zu jemand werden, von dem sie sich am Ende tatsächlich noch belästigt fühlte.
_________________
„Der moderne Mensch hat ein neues Laster gefunden: die Schnelligkeit.“

Aldous Huxley
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Blue
Die mit dem Schweinehund tanzt


Anmeldungsdatum: 15.06.2009
Beiträge: 712
Wohnort: Leverkusen

 BeitragVerfasst am: So Jan 10, 2010 21:47    Titel: Antworten mit Zitat Back to top

24.12.06

Rokko lief aufgeregt durch seine Wohnung. Draußen schneite es schon wieder und er konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal eine weiße Weihnacht erlebt hatte. Das war wunderschön, doch leider war das nicht der einzige Umstand, der genauso war wie in seiner Kindheit. Er war nämlich auch dummerweise genauso aufgewühlt, wie er es als Junge war, wenn er auf die Bescherung warten musste. Diese Stunden waren immer grauenvoll und schön zugleich gewesen und jedes Mal war er fast vor Spannung geplatzt. Und nun ging es ihm genauso, obwohl er diesmal genau wusste, was ihn zur Bescherung erwartete. Es war Anna, die er bald treffen würde und er war so aufgeregt, weil er eine Idee hatte, wie er ihr helfen könnte. Er würde mit ihr gemeinsam auf den Friedhof gehen. Er war sich sicher, dass sie es schaffen könnte, wenn er sie unterstützte und selbst wenn sie dann wieder eine Gedächtnislücke hatte, so konnte er ihr sagen, was sie vergessen hatte. Ihm war klar, dass sie dort vermutlich einen Angehörigen finden würde, der vielleicht auch bei dem Unfall ums Leben gekommen war. Aber sie sagte selbst, dass sie die Wahrheit wissen wollte, um endlich weiterleben zu können. Er würde sie stützen können in dieser schweren Zeit, das spürte er genau und er wurde sich immer sicherere, dass es kein Zufall war, dass sie sich begegnet waren. Er atmete durch und beschloss dann, dass es nun spät genug sei, dass er nun duschen könnte und dann bald aufbrechen würde.

Rokko saß ungefähr seit 10 Minuten in dem kleinen Restaurant. Er wusste, dass er zu früh war und dennoch wartete er schon ganz ungeduldig. Er ließ die Tür nicht aus dem Blick und dann kam der Moment an dem er das bereute. Eine blonde Frau betrat den Raum und schaute ihn geradewegs an. Sie ging auf ihn zu und er spürte wie sich alles in ihm verkrampfte. Was um alles in der Welt hatte er verbrochen, dass ausgerechnet Lisa jetzt an diesem Ort auftauchen musste? Er wollte sie nicht sehen, wollte diesen Schmerz jetzt nicht und überhaupt, würde jeden Augenblick Anna kommen. Doch was immer er sich auch wünschte, sie kam einfach auf ihn zu. Vor seinem Tisch blieb sie stehen. Er sah, dass sie nervös war, nicht nur weil sie wieder einmal wie verrückt ihre Finger knetete und auch, dass sich in ihren Augen eine tiefe Traurigkeit spiegelte. Hatte die Klatschpresse also doch Recht? Er hatte sehr wohl gelesen, dass die Ehe zwischen Lisa und David als nicht rechtskräftig galt, weil der Papierkram natürlich vorher nicht abgeklärt worden war. Auch hatte er gelesen, dass die beiden eben nicht noch einmal geheiratet hatten und es Gerüchte gab, dass sie sich schon nach wenigen Tagen wieder getrennt hatten. Aber er hatte es ignoriert, wollte das gar nicht weiter an sich heranlassen. Was wollte sie jetzt also hier. David war wieder weg und nun sollte er erneut herhalten? Nein, da täuschte sie sich aber!

„Hallo Rokko“, sagte sie leise, als sie an seinen Tisch herangetreten war und schlug die Augen nieder.
„Hallo Lisa. Was möchtest du hier?“ Er lies seine Stimme dabei so kühl klingen, wie es nur irgendwie ging und stellte zufrieden fest, dass ihm das recht gut gelungen war, denn sie zuckte merklich zusammen.
„Ich möchte mit dir reden.“
„Ich aber nicht mit dir. Und schon gar nicht heute. Meine Begleitung kommt gleich und dann wollen wir in ruhe Weihnachten feiern.“
„Ja ich weiß, du wartest auf Anna Thiemann. Ich will euch auch nicht stören, wirklich. Gib mir nur 10 Minuten, dann verschwinde ich und belästige dich nie wieder, wenn du das willst. Aber ich bin dir eine Erklärung schuldig und meinst du nicht, du kannst dein neues Leben besser beginnen, wenn du das alte wirklich losgelassen hast?“

Rokko schluckte. Lisa hatte den Rücken gestrafft und hielt ihren Blick nun nicht mehr gesenkt. Es war wie damals, als sie vor die Presse getreten war, als es Hugo so schlecht ging. Auch jetzt war sie wieder völlig überzeugt, dass sie handeln musste und wieder war sie so authentisch, dass er genau spürte, warum er sie so …liebte? Geliebt hatte? Er wusste es nicht und gleichzeitig zog sich sein Magen erneut zusammen. Woher kannte sie Anna? Und warum hatte ihn Anna belogen und nichts von Lisa gesagt? War das hier alles ein großes Spiel, um ihm weh zu tun und warum täuschte ihn seine Wahrnehmung dann permanent und spielte ihm vor Ehrlichkeit, echtem Gefühl und Authentizität zu begegnen? Er musste es vor sich selbst zugeben. Er war überfordert und ihm blieb nichts anderes übrig als Lisa gewähren zu lassen, wenn er auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, etwas mehr durchzublicken.

„Woher kennst du Anna“, fragte er schließlich.
„Darf ich mich setzen?“
Rokko nickte und Lisa atmete tief durch.
„Ich war vorgestern in der Bibliothek. Ich bin dort sehr oft und habe Frau Thiemann dort schon häufiger gesehen. Sie kam mir immer ein bisschen seltsam vor, wenn ich ehrlich bin. Ich meine, sie schien nie mit jemanden zu sprechen, sondern immer ganz in die Arbeit mit den Büchern vertieft zu sein. Nur manchmal hatte ich das Gefühl sie beobachtet die Leute beim Lesen. Aber immer, wenn ich das Gefühl hatte sie beobachtet mich und ich aufblickte, dann war sie verschwunden, obwohl sie kurz zuvor noch dort gestanden hatte. Na ja, ist ja auch egal, jedenfalls hatte ich einige Bücher auf dem Arm, die ich mir über die Feiertage ausleihen wollte und dann bin ich gestolpert und mir ist alles aus den Händen gefallen. Sie war plötzlich da und hat mir beim Aufsammeln geholfen und da hat sie auch meinen Leihausweis aufgehoben. Sie hat mich ganz seltsam angesehen und gefragt: „Sie sind Elisabeth Plenske? Die von Kerima Moda?“ Ich habe genickt und im ersten Moment gedacht, jetzt kommt eine Anfrage, ob ihre Nichte sich nicht vielleicht mal bei uns vorstellen kann, weil die ganz zufällig ein Model ist, oder etwas ähnliches jedenfalls. Aber da habe ich mich getäuscht. Sie bat mich aus dem Gang weg hinter eines der Regale, wo wir alleine waren und dann schaute sie mich ziemlich wutentbrannt an. Sie wollte wissen warum ich dir das angetan habe. Sie weigerte sich auch nur irgendetwas über dich zu erzählen oder zu sagen woher sie dich kennt, weil sie meinte, dass du sicher eh schon sauer auf sie sein würdest, wenn du erfährst, dass sie mit mir über dich spricht. Aber sie wollte es trotzdem wissen. Ich weiß nicht warum ich es ihr erzählt habe, denn sie hätte ja auch für die Klatschpresse schreiben können, aber das passte nicht. Ich habe gesehen, dass sie deine Geschichte wirklich emotional berührt hat, dass sie wirklich wütend deshalb auf mich war und dass sie deshalb spontan gefragt hat, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ich meine normalerweise kann man das bei einer Fremden gar nicht so herauslesen, aber bei ihr war ich mir ganz sicher, so als ob ich sie und ihre Mimik schon 100 Jahre kennen würde. Seltsam wirklich! Jedenfalls konnte ich nicht anders und sie hat mir zugehört. Zum Schluss war sie nicht mehr sauer und meinte nur, es wäre gut, wenn du davon weißt, aber noch besser, wenn wir beide das selbst ausdiskutieren würden. Sie versprach mir, dir von der Begegnung zu erzählen und dich zu fragen, ob du mit mir reden möchtest. Sie hat dabei den Fehler gemacht, dass sie gesagt hat, dass sie dich das nächste mal hier und jetzt treffen wird. Rokko ich konnte nicht anders. Ich habe dich so lange gesucht, um mit dir zu reden. Weißt du, es ist mir einfach wichtig, dass du weißt, dass ich dich aufrichtig geliebt habe …es eigentlich immer no…aber das ist nicht wichtig. Rokko ich habe dich ehrlich geliebt, aber ich war einfach zu unerfahren, um es zu verstehen. Ich meine ich war so naiv und als ich das erste mal verliebt war, habe ich gedacht, dass ist sie jetzt, die große, einzig wahre Liebe. Ich war ein Spätzünder in diesen Dingen Rokko und ich bin viel deshalb gehänselt worden. Deshalb habe ich daran festgehalten, dass es sein müsste wie im Märchen, es war meine Flucht, weil ich zwar akzeptieren konnte das ich anders bin, aber nicht, dass ich deshalb trotzdem manchmal traurig war. Ich denke, ich finde es wirklich richtig der zu sein, der man nun mal ist. Ich wollte mich nie verbiegen, nur weil es gerade schick ist und ich habe meinen Weg ja auch tatsächlich gefunden. Aber manchmal war ich dann doch traurig deshalb einsam zu sein, verstehst du? Und ich habe mich dafür geschämt und es deshalb nicht zu gelassen. Da kam diese Märchenwelt gerade recht. David war wie der Prinz aus dem Märchen, ich meine er hat mir sogar den Schuh gebracht, verstehst du?“

Rokko wusste nicht genau ob er verstand und zuckte etwas hilflos mit den Achseln. Einen Lisa Redeschwall hörte man sich besser bis zum Schluss an und versuchte ihn dann im Nachhinein zu sortieren, dass wusste er nur zu gut aus Erfahrung. Und schon ging es weiter:

„Ach Rokko! Versteh doch! Ich habe dich geliebt, hatte aber keine Zeit das wirklich zu verstehen. Erst Davids Liebeserklärung dann die Entführung, dann die Gefühle für dich, das ganze hin und her…Mein Gott, dass war alles wie in einem schlechten Film. Gerade als ich endlich zulassen konnte, etwas für dich zu empfinden, da ging alles so schnell. Wir haben um Kerima gekämpft und ich habe geübt wie ich dir erklären kann, dass ich dich liebe, da machst du mir einen Heiratsantrag! So weit war ich noch nicht und dann ging das David Karussell wieder los. Ich habe ihn nicht mehr geliebt, aber ich hatte das Thema auch noch nicht abgeschlossen und dann liegt er da verletzt vor der Kirche. Was wenn er gestorben wäre, wenn ich keine Zeit mehr gehabt hätte, dass alles mit ihm zu klären? Und was, wenn ich dir mein Ja-Wort gebe, obwohl ich noch so verwirrt bin? Wäre das nicht unfair von mir? Könnte es nicht sein, dass ich alles falsch mache und dir damit am Ende noch mehr weh tue? Das wollte ich nicht. Ich wollte erst klären und deshalb habe ich dir den Ring zurückgegeben. Alle haben gedacht, dass ich das nur wegen David tue und ihn jetzt statt deiner heiraten würde. Das war wie etwas, dass sich über mich gelegt hat. Alle haben es erwartet und ich habe es wie in Trance getan. Es war, als ob ein Märchen wahr wird und das war sogar schön, aber es hat sich nicht real angefühlt. Ich meine, ich renne mit dem einen in die Kirche und dann wieder raus. Dann ist da ein Bombendrama und Verletzte und die Polizei und dann renne ich wieder in die Kirche mit dem anderen. Irgendwann muss ich wohl ja sagen, denn die 90 Minuten Märchenfilm sind irgendwann rum und wenn ich es schon tue, dann doch auch bitte lächelnd. So war das Rokko, glaub es oder nicht. Ich war froh, dass die Ehe nicht rechtskräftig war, denn es hat sich falsch angefühlt. Ich habe dann versucht mit David zu leben, aber nach wenigen Tagen hat sich der ganze Knoten gelöst. Ich bin von jetzt auf gleich irgendwie erwachsen geworden. Ich habe das alles erkannt. Ich habe begriffen, dass ich David nicht mehr liebe, eigentlich immer nur das Bild von ihm. Also ich glaube schon das David eine Bedeutung in meinem Leben hat und dass wir auch einen gewissen Draht zueinander haben, aber nicht den, dass er wirklich mein Lebenspartner sein soll. Ich glaube eher, wir haben aneinander etwas gelernt, damit wir irgendwann in der Lage sind, uns wirklich auf einen anderen Menschen im Sinne einer Partnerschaft einzulassen. Und ich habe erkannt, was wir beide hatten Rokko und auch warum es richtig war, dass du mich heiraten wolltest. Wenn ich das alles vor unserer Hochzeit verstanden hätte…ich bin mir sicher wir wären unendlich glücklich miteinander geworden Rokko. Aber es ist anders gekommen und ich habe dich dabei unglaublich verletzt. Nichts hat mir je so Leid getan wie diese Tatsache und ich hoffe du kannst mir das glauben. Das ist wichtig Rokko. Für dich, damit du neu anfangen kannst und für mich aus dem gleichen Grund. Auch wenn ich dich immer noch liebe, und jetzt bewusst, so freue ich mich sehr für dich, dass du jetzt Anna gefunden hast. Vielleicht sollte es so sein. Lasst euch Zeit und ich wünsche mir nichts mehr, als dass du glücklich wirst. So das ist alles was ich dir sagen wollte und jetzt verschwinde ich, wie versprochen.“

Sie stand auf und wollte gehen.
„Hey Lisa nun warte doch! Meinst du nicht, ich sollte auch noch etwas dazu sagen dürfen?“
„Nicht heute Abend Rokko. Anna kommt sicher gleich und ihr sollt den Abend genießen. Ich hoffe, dass du es jetzt leichter kannst und dass du ihr nicht böse bist, weil sie mich angesprochen hat. Sie hat es wirklich nur getan, weil du ihr am Herzen liegst, vergiss dass nicht! Wenn du wirklich noch mit mir reden willst, dann findest du mich entweder bei Kerima oder Anna findet mich in der Bücherei. Also, frohe Weihnachten Rokko!“

Rokko blickte Lisa mit offenem Mund hinterher und fühlte sich regelrecht überfahren. Was sollte er nun damit anfangen? Sollte er sich ärgern, wütend sein, sich freuen? Und was fühlte er überhaupt? Er wusste es nicht und hatte auch keine Vorstellung davon, wie er diesen Knoten jemals aufbekommen sollte.
„Guten Abend Rokko, darf ich mich noch setzen?“
Er schreckte hoch und sah auf. Direkt in diese braunen Augen, die auch diesmal ihre Wirkung nicht verfehlten.
„Anna! Ja natürlich, warum denn nicht?“
„Wegen Lisa. Ich dachte du bist vielleicht sauer, weil ich meinen Mund nicht halten konnte.“
„Du wusstest dass sie herkommt“, fragte er ungläubig.
„Nein, das wusste ich nicht, aber sie stand schon an deinem Tisch als ich kam und da habe ich am Tresen gewartet, bis sie geht.“
„Aha“, brachte er mühsam hervor.
„Und bist du sauer?“ Sie konnte bei dieser Frage nicht verbergen, dass sie Angst vor der Antwort hatte.
„Ach Anna, ich weiß gerade überhaupt nicht was ich fühle. Lisa hat mir hier einen riesigen Haufen Wirrwarr hinterlassen und ich blicke gerade so gar nicht durch. Bin ich sauer auf dich?“ Er schaute sie lange an, dann schüttelte er den Kopf. „Nein Anna, bin ich nicht. Lisa hat mir glaubhaft versichert, dass du es nicht mit böser Absicht getan hast und wenn ich dich so ansehe, dann weiß ich das sowieso.“
Sie atmete erleichtert auf und strahlte ihn an. Es dauerte nicht lange und Anna begann mit Rokko den Knoten zu entwirren, den Lisa da gelassen hatte. Ganz schafften sie es noch nicht, aber Rokko merkte, das es gut war, dass Lisa zu ihm gekommen war. Er wusste jetzt, dass er sich nicht völlig in ihr getäuscht hatte und das gab ihm ein gutes Stück Selbstvertrauen zurück. Außerdem hatte er erkannt, dass Lisa auch gelitten hatte und es offensichtlich immer noch tat. Auch diese Erkenntnis tat ihm gut, denn er hatte nie ein Opfer sein wollen und musste sich nun auch nicht mehr so fühlen. Wenn er sich entschließen würde noch einmal mit Lisa zu reden, dann könnte er das nun wieder auf der gleichen Ebene mit ihr tun, aber dass musste er ja nicht unbedingt heute entscheiden. Jetzt wollte er den Abend genießen. Ihm fiel wieder ein, dass er Anna ja noch einen Vorschlag machen wollte und so wurde er gleich wieder ganz aufgeregt. Anna schmunzelte, als er da so vor ihr herumzappelte, aber mit jedem Wort, das er dann sprach, wurde sie immer ernster. Dennoch hörte sie sich seinen Vorschlag bis zum Schluss an.

„Du willst mich auf den Friedhof begleiten? Rokko das ist sicher keine gute Idee.“
„Doch ich glaube schon, dass es das ist. Aber nur, wenn du mir vertraust und es auch wirklich willst. Aber du sagtest ja du wünscht dir eigentlich nichts mehr und heute ist Weihnachten. Wann, wenn nicht heute sollen Wünsche in Erfüllung gehen?“
„Aber Rokko, diese Angst verändert mich. Ich werde dich vielleicht verletzen, gemein zu dir sein, nur um da weg zu kommen.“
„Nein Anna, das wirst du nicht, ich vertraue dir, ich weiß, dass du es schaffst.“
„Aber ich vertraue mir nicht!“
„Vertraust du mir?“
Anna schluckte. „Ja Rokko, das tue ich, obwohl es verrückt ist, denn wir kennen uns doch gar nicht und du weißt ja auch gar nicht und….“
„Anna“, er sprach ihren Namen ganz eindringlich und mit einer unglaublichen Ruhe aus. „Vertraust du mir?“ Er hielt ihren Blick fest und wartete auf die Antwort.
„Ja.“
„Gut, dann vertraue ich dir und du mir, das wird reichen.“
„Woher willst du das wissen?“
„Ich weiß es eben.“
„Rokko du bist durchgeknallt! Aber gut, ich lasse mich darauf ein. Gott weiß warum! Und jetzt?“
„Jetzt werden wir dieses Essen noch zu ende genießen, auch wenn du es bisher noch nicht angerührt hast und dann gehen wir spazieren. Am Friedhof geht es los.“
„Aha, Henkersmahlzeit? Okay.“
„Anna das ist keine Henkersmahlzeit. Ich werde für dich da sein und nicht eher aufgeben, bis du deine innere Ruhe wieder gefunden hast, das verspreche ich dir.“
Sie nickte und dann versuchten sie sich mit ein bisschen Smalltalk abzulenken.


„Nein Rokko! Ich kann das nicht! Ich kann nicht auf diesen Friedhof!“
Sie standen am Eingangstor und Anna zitterte wie Espenlaub. Er stellte sich direkt vor sie und hielt sie an den Schultern fest. Dann löste er eine Hand und hob ihr Kinn vorsichtig an, so dass sie ihm in die Augen schauen musste.
„Anna wir gehen da jetzt rein. Du kannst das! Guck mich einfach an und halt dich fest. Es geht, du wirst sehen.“
Wie ein ängstliches Kind hörte sie auf seine Worte. Sie folgte ihm und zu ihrem Erstaunen ging es besser, als sie erwartet hatte. Sie liefen eine ganze Weile über den Friedhof und Anna bemerkte halb erleichtert, halb enttäuscht, dass nichts passierte. Gerade als sie vorschlagen wollte jetzt zu gehen, machte sich ein merkwürdiges Ziehen in ihrem Magen breit und sie spürte die Angst nun wieder ganz deutlich. Sofort krallte sie sich erneut an ihrem Begleiter fest.
„Rokko, ich mag nicht weiter, es fängt wieder an.“
„Anna du hast es bis hierher geschafft, der Rest geht auch, ganz sicher.“
„Nein Rokko! Ich….“
„Doch Anna, du kannst es aushalten! Du bist soweit!“
Zögerlich gingen sie weiter, dann blieb sie vor einem Familiengrab stehen und wendete sich ihm zu.
„Rokko mir wird schlecht.“
„Ich bin bei dir, alles ist gut“, sprach er ermutigend auf sie ein.
Sie schien zusammenzusacken und ohnmächtig zu werden, doch er fing sie auf und plötzlich war sie wieder ganz klar. Tränen begannen über ihre Wangen zu rollen.
„Rokko, ich fange an mich zu erinnern“, flüsterte sie. Bei dem Unfall….mein Mann und mein Sohn waren auch in dem Auto. Es war ein Falschfahrer auf der Autobahn. Ich habe versucht auszuweichen, doch der Wagen…er…er schlug gegen die Leitplanke. Wir wurden hin und her geschleudert und überschlugen uns….Rokko….welche Namen stehen auf der rechten Seite des Grabes?“

Rokko war nun ebenfalls leichenblass geworden und wischte vorsichtig den Schnee von der rechten Seite des Grabsteins.

„Stefan und Jannik Thiemann, gestorben am 01.09.2004“, brachte Rokko mühsam mit rauer Stimme hervor.

Anna schluchzte laut auf und Rokko hielt sie fest so gut er konnte. Irgendwann begann sie sich weiter zu erinnern. „Ich…Ich habe überlebt, sie waren tot. Ich habe sie gesehen. Janniks Bein…es…es war nicht mehr da und Stefans Kopf….Rokko es war so furchtbar. Ich hätte den Wagen unter Kontrolle haben müssen…ich hätte…“ Wieder weinte sie lange und intensiv und Rokko wiederholte immer wieder, dass es nicht ihre Schuld gewesen sei. Erst als sie wieder aufhörte zu weinen fragte er: „Anna, was ist dann passiert? Kannst du dich erinnern?“
Anna überlegte einen Moment. „Ich war auch verletzt. Sie haben mich ins Krankenhaus gebracht und ich bin operiert worden. Danach schien körperlich alles okay zu sein. Aber dann 3 Tage später, habe ich Schmerzen im Bauch bekommen. Irgendwas war bei der OP nicht glatt verlaufen. Ich musste notoperiert werden. Und dann …dann …ich weiß es nicht…“
„Okay, das reicht ja auch erstmal, du musst ja nicht gleich alles auf einmal erinnern. Was möchtest du jetzt tun? Soll ich dich nach Hause bringen oder möchtest du mit zu mir kommen? Kann ich jetzt irgendetwas tun, außer einfach da zu sein?“
„Nein … oder …Rokko ..ich weiß nicht, irgendetwas fehlt noch …ich bin noch nicht fertig hier…“
„Bist du nicht? Was fehlt denn Anna?“
„Ich weiß es nicht.“
Rokko schaute sich um und überlegte. Was könnten sie vergessen haben? Sein Blick fiel auf den Grabstein. Die rechte Seite hatte er frei gewischt. Die linke Seite war noch ganz vom Schnee zugeweht. Ihre Blicke trafen sich auf der Grabsteinhälfte und als Rokko schließlich zu ihr sah, nickte sie bestätigend. Wieder beugte er sich vor und wischte die zweite Hälfte vorsichtig frei. Beiden wurde übel, als die Schrift sichtbar wurde.

Anna Thiemann, gestorben am 04.09.2004

Diesmal war es Anna die sich zuerst fasste und Rokko auffing, der drohte ohnmächtig zu werden.
„Hey bleib hier, du hast es mir versprochen! Ich vertraue dir, vergiss das nicht!“
Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht und Rokko wurde wieder klarer im Kopf.
„Ja, aber … du bist tot“, brachte er vorwurfsvoll heraus.
„Und doch bin ich hier und vertraue dir.“
„Na toll! Muss ich jetzt auch sterben?“
„Nein Rokko, ich denke nicht.“
„Was heißt, du denkst nicht?“
„Ich weiß doch auch nicht was hier passiert! Aber ich sehe jetzt vieles so klar und ich habe keine Angst mehr!“
„Ich aber“, schrie er heraus.
„Das musst du aber nicht.“
„Hab ich aber!“
„Rokko, vertraust du mir?“ Ihre Stimme war voller Sicherheit und sie war ihm so vertraut, dass er trotz des Wahnsinns der Situation nicht anders konnte, als zu nicken, auch wenn seine Augen sich jetzt mit Tränen füllten.
„Dann erkläre es mir Anna.“
„Ich bin bei dieser OP gestorben. Aber ich hab den Übergang verpasst, weil mich die Bilder nicht losgelassen haben und weil diese Schuldgefühle mich so gequält haben. Ich war also ein Geist und hab es nicht gemerkt. Und weil ich es nicht gemerkt habe, nicht merken wollte, habe ich das alles verdrängt und so getan, als ob ich noch lebe. Ich konnte mich dann tatsächlich an nichts mehr erinnern. Der Job in der Buchhandlung! Ich hab mich dort immer gefühlt, als ob mich keiner sieht, aber es hat mich ja auch keiner gesehen! Es hat mich immer nur dann jemand gesehen, wenn ich mich ganz stark auf denjenigen konzentriert habe. Im Park, da war ich nicht weg, als der Reporter kam, du hast mich einfach nur nicht mehr gesehen, weil ich Angst hatte, ich könnte etwas gefragt werden, dass ich nicht beantworten kann. Da konnte ich mich nicht mehr genug konzentrieren. Und ich hatte nie Hunger, und hab nie etwas gegessen, denn das kann ein Geist nicht, aber ich habe das alles nie bewusst wahrgenommen, das musst du mir glauben! Ich wusste das selbst nicht. Nur mit deiner Hilfe verstehe ich das alles. Rokko, weißt du was das heißt?“
Er schüttelte mühsam den Kopf und versuchte ihr zu folgen.
„Es bedeutet, dass ich endlich gehen kann. Siehst du das Licht dort hinten? Es ist so voller Liebe, Rokko!“
„Nein Anna, nein! Ich sehe kein Licht! Das ist doch alles Unfug! Du kannst doch jetzt nicht gehen! Ich verstehe das alles nicht und was soll ich denn ohne dich machen? Du musst mir noch helfen, du kannst jetzt nicht gehen!“
Er schluchzte wie ein kleines Kind und versuchte krampfhaft zu begreifen, was gerade passierte. Dann spürte er, wie sie ihn in den Arm nahm und eine sehr tröstliche Kraft von ihr ausging.
„Doch Rokko, ich muss gehen und ich will. Dort liegt meine innere Ruhe und die hast du mir versprochen. Ich werde dort meinen Mann und meinen Sohn wieder sehen und alles wird einen Sinn ergeben. Das ist gut Rokko. Die letzten beiden Jahre, waren schlimm für mich. Es ist schrecklich zu leben, ohne zu wissen wer man ist und warum man nicht wirklich am Leben teilnimmt. Rokko du hast es geschafft, mich zu mir selbst zu führen, meinen Ängsten ins Auge zu sehen und sie zu überwinden, das ist das wunderbarste Weihnachtsgeschenk, dass ich je bekommen habe und dafür danke ich dir. Eigentlich müsste ich dir dafür noch öfter das Leben retten, aber das ist nun nicht mehr meine Aufgabe.“
„Aber Anna, dieses Gefühl, dass wir uns schon kennen, das hat doch etwas zu bedeuten! Ich brauch dich noch, ich bin mir ganz sicher.“
„Ja Rokko“, lächelte Anna, „wir brauchen uns noch, da hast du Recht. Aber nicht mehr in diesem Leben. Und ja, wir kennen uns schon lange, schon viele Leben, Rokko. Aber diesmal musst du ohne mich weiter gehen. Aber da ist jemand, der dich begleiten wird, wenn du es zulässt. Aber es liegt an dir, ob du ihr verzeihen kannst. Es ist deine Aufgabe und du kannst sie lösen, wie du es für richtig hältst. Aber auch ihr kennt euch schon länger, mein Lieber. Wenn du mich fragst, dann verzeih ihr, du wirst es ganz sicher nicht bereuen.“
„Du meinst ich und Lisa?“
„Wie gesagt Rokko, es liegt in deiner Hand, aber jetzt muss ich los.“
„Seh ich dich wieder?“
„Ja ganz sicher und danke … für alles!“
Rokko sah wie Anna sich immer weiter von ihm entfernte. Er versuchte sie mit seinem Blick festzuhalten, doch irgendwann umgab ihn nur noch die Dunkelheit und tränenblind wischte er immer wieder zärtlich über den Grabstein. Er fühlte sich überfordert, kraftlos und alleine gelassen, doch dann fiel eine Schneeflocke direkt auf seine Nasenspitze und kitzelte ihn. Da begriff er, dass er glücklich sein sollte, denn er hatte heute ein besonderes Geschenk erhalten. Er hatte Anna ihren Wunsch erfüllen können und die Gewissheit erlangt, dass es nach dem Tod Frieden gab und er Anna und vermutlich alle, die ihm je wichtig gewesen waren, wieder sehen würde. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht und dann fühlte er sich leicht, als er nach Hause ging


24.12.07

„Hallo Anna, ich bin es Rokko. Ja ich hab sie ja mitgebracht, siehst du doch, sie steht da hinten. Aber Lisa meint ich solle alleine mit dir sprechen, denn der Heiligabend gehört nach ihrer Ansicht nun mal ganz uns beiden. Schade, dass es dieses Jahr nicht schneit, findest du nicht auch? Sag mal, hab ich dir eigentlich schon gesagt, wie dankbar ich dir für den Tipp mit Lisa bin und wie glücklich wir zusammen sind? … Ja ich weiß, ich rede von nichts anderem. So sind wir Nicht-Geister eben, wir brauchen den einen Menschen, mit dem wir uns hier unten sicher fühlen. Aber ich verrate dir was. Ich frag sie heute Abend, ob sie nun doch meine Frau werden will. Sag selbst, das ist mutig, oder etwa nicht? … Ja okay, nicht wenn man wirklich vertraut und das tue ich. Trotzdem bin ich aufgeregt. Sie könnte immerhin ablehnen. … Ach Anna, hör auf mich auszulachen! …So, nun muss ich aber los, Lisas Eltern erwarten uns und ich hoffe, dass Bernd den polnischen Boxer jetzt endlich akzeptiert, hihi. Ich hoffe es geht dir gut, meine Liebe. Bis bald!“
Er legte ein Weihnachtsgesteck auf das Grab und ging zu Lisa, die er umarmte und zärtlich küsste. „Danke Lisa.“
„Wofür?“
„Dafür, dass du das mit Anna verstehst und ich bei dir der Mensch sein darf, der ich wirklich bin. Und dafür das ich dir vertrauen kann.“ Sie küssten sich noch einmal und gingen gemeinsam in die Zukunft.
_________________
„Der moderne Mensch hat ein neues Laster gefunden: die Schnelligkeit.“

Aldous Huxley
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Fanny
Dummes Huhn


Anmeldungsdatum: 15.06.2009
Beiträge: 448
Wohnort: Chemnitz

 BeitragVerfasst am: Mo Jan 11, 2010 08:09    Titel: Antworten mit Zitat Back to top

Ach Blue, was soll ich denn zu dieser Geschichte sagen? Wir wissen beide nur all zu genau, dass es jemandem gibt, dem ich nichts mehr gönnen würde als eine solche Erfahrung, wie sie Rokko in deiner Geschichte gemacht hat. Wir wissen beide, wie sehr die Frage, wie endgültig der Tod ist, plötzlich mitten im Leben an Dimension und Wichtigkeit gewinnen kann. Deine Geschichte ist so unglaublich packend geschrieben. Ich konnte die Tränen nicht zurück halten, das muss ich zugeben. Es war einfach wahnsinnig berührend und ich finde, in dieser Geschichte hattest du einen besonders ausdrucksstarken Schreibstil.
Richtig cool fand ich den Lisa-Redeschwall im Restaurant. Der war einfach nur ff-mäßig herrlich getroffen.
Ach Blue, es gibt so viele Emotionen, die der Oneshot in mir ausgelöst hat. Da sind Gedanken zu dem was ist danach genau so wie solche zum Sinn und Unsinn von Verdrängen. Blöd bloß, dass ich das grade alles nur ganz schlecht in Worte verpackt kriege. Von daher einfach danke für diese tief bewegende Geschichte.
_________________
Es ist nicht immer leicht, ich zu sein!
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden MSN Messenger
peggy
Berufsposter


Anmeldungsdatum: 16.06.2009
Beiträge: 569
Wohnort: Heidelberg

 BeitragVerfasst am: Mo Jan 11, 2010 16:53    Titel: Antworten mit Zitat Back to top

Wow Blue, gestern abend konnte ich nichts zu dieser Geschichte schreiben und auch jetzt fehlen mir irgendwie die Worte.....deshalb wird dieser Kommie auch ganz kurz ausfallen. Vielleicht fällt mir ja später noch etwas ein, wenn ich ihn öfter gelesen habe und nicht mehr so berührt bin.

Obwohl ich niemanden kenne, der jemals in Rokkos oder Annas Situation war, war es ein unglaublich beruhigendes Gefühl, dass jeder am Ende seinen Frieden gefunden hat, voller Vertrauen und ohne Ängste vor dem was ihn erwartet war.

Danke schön
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
patty
Berufsposter


Anmeldungsdatum: 15.06.2009
Beiträge: 955
Wohnort: Schermen bei Magdeburg

 BeitragVerfasst am: Mi Jan 13, 2010 23:36    Titel: Antworten mit Zitat Back to top

*schluck* ich gratuliere, dieser oneshot war alles andere als vorhersehbar... also dass anna ein geist ist, damit habe ich bis kurz vor schluss nicht gerechnet. er hat mich sehr beruehrt dieser oneshot und dass anna nun doch ihren frieden gefunden hat, ist mehr als troestlich.
_________________
I don't suffer from insanity - I enjoy every minute of it ;).
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden Website dieses Benutzers besuchen
scorpio1962
Fleißiges Bienchen


Anmeldungsdatum: 20.06.2009
Beiträge: 273
Wohnort: Nähe Limburg a. d. Lahn

 BeitragVerfasst am: So Feb 07, 2010 11:04    Titel: Antworten mit Zitat Back to top

Schon als der Lastwagenfahrer Anna nicht sehen konnte, war mir klar, dass da etwas nicht stimmte. Und dann hat Anna Rokko und auch Lisa auf die Sprünge geholfen und im Gegenzug dazu hat Rokko ihr mit ihrem Geheimnis und ihrer Angst geholfen. Die Geschichte war wirklich schön, Blue, danke. Übrigens habe ich sogar jetzt noch meinen Spaß an der Story.
_________________
Life sucks, and then you die.
Yeah, I should be so lucky.
Jacob Black - Breaking Dawn
 
Benutzer-Profile anzeigen Private Nachricht senden
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:   
Neues Thema eröffnen   Neue Antwort erstellen    Alles und Nichts Foren-Übersicht -> Fan Fictions Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Seite 1 von 1

 
Gehe zu:  
Du kannst keine Beiträge in dieses Forum schreiben.
Du kannst auf Beiträge in diesem Forum nicht antworten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht bearbeiten.
Du kannst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen.
Du kannst an Umfragen in diesem Forum nicht mitmachen.

Dies ist ein kostenloses Forum das von Siteboard.de zur Verfügung gestellt wird.
Besuchen sie unseren Sponsor Sitesubmission.de
Spezialist für Suchmaschinenoptimierung und Suchmaschineneintrag


Hinweis: Die Verantwortung für die Inhalte liegen beim jeweiligen Autor der Nachrichten.